Wenn ein Kind uns im Alltag besonders fordert – durch Unruhe, Rückzug, Wutausbrüche oder auffälliges Sozialverhalten – stellt sich oft die Frage: Was steckt dahinter? Viele Eltern und Fachkräfte wünschen sich dann Klarheit – manchmal sogar schon eine Richtung wie ADHS, Autismus oder emotionale Entwicklungsverzögerung.
Doch bevor es überhaupt um eine Diagnose geht, ist es wichtig, offen zu beobachten – nicht mit einer „Vermutung im Kopf“, sondern mit klarem Blick auf das, was tatsächlich passiert.
Denn: Wer auf ADHS beobachtet, sieht leicht nur noch das, was ins Bild passt.
Eine gute Beobachtung ist wertfrei, offen, beschreibend – nicht wertend, nicht deuten wollend.
Warum ist eine offene Beobachtung so wichtig?
- Sie verhindert, dass wir vorschnell in „Schubladen“ denken
- Sie schützt das Kind davor, auf bestimmte Merkmale reduziert zu werden
- Sie ermöglicht Fachpersonen eine neutrale Grundlage für die Einschätzung
- Und: Sie hilft auch uns als Eltern oder Lehrkräfte, objektiv zu reflektieren, was wirklich passiert – und was vielleicht nur unsere eigene Überforderung spiegelt
Was macht eine gute Verhaltensbeobachtung aus?
1. Konkretes Verhalten festlegen
→ Nicht: „Sie ist unkonzentriert.“
→ Sondern: „Schaut während der Aufgabe oft aus dem Fenster, beginnt mehrfach neu, spricht mit dem Nachbarn.“
2. Messbar machen
→ Dokumentiere:
- Wie oft tritt etwas auf? (z. B. 4× in 20 Minuten)
- Wie lange dauert es? (z. B. Phase ohne Unterbrechung: 2 Minuten)
3. Auslöser und Folge notieren
→ Was passiert direkt davor (z. B. neue Aufgabe, Anweisung, Lärm)?
→ Was folgt danach? (z. B. Wutausbruch, Rückzug, Hilferuf)
4. Fester Beobachtungszeitraum
→ z. B. „Eine Woche lang beim Anziehen am Morgen“
→ So bleibt der Fokus eng – und wird nicht zur Dauerbeobachtung
5. Neutral formulieren
→ Keine Bewertungen wie: „Unverschämt“, „schlampig“, „stur“
→ Sondern: „Reagiert nicht auf Ansprache“, „steht während der Aufgabe auf“, „verlässt das Zimmer“
6. Kontext einbeziehen
→ Gab es Stress, Schlafmangel, Konflikte, Veränderungen?
→ Auch Umgebung, Tageszeit und Bezugsperson spielen eine Rolle
Worauf du verzichten solltest:
- Interpretationen („Sie manipuliert uns“, „Er provoziert mit Absicht“)
- Diagnosen in Eigenregie
- Allgemeine Aussagen („Immer wenn…“, „Schon wieder…“)
- Zu lange Zeiträume („in den letzten Monaten“ – besser: konkret und aktuell)
Wenn du möchtest, bereiten wir jetzt eine passende Beobachtungsvorlage zum Ausfüllen vor – inklusive Beispielen.
Oder du sagst mir, wie du den Text nutzen möchtest (Blog, Handout, Elternabend etc.), und ich passe ihn gezielt an.
Sehr gern – hier ist ein abschließender Abschnitt, der deinen Gedanken aufgreift und den Text sinnvoll rundet:
Zum Schluss: Beobachten heißt nicht bewerten – und ersetzt keine Diagnose
Die Einschätzung, ob ein Kind eine Entwicklungsbesonderheit oder eine seelische Belastung hat, liegt am Ende nicht bei uns Eltern oder Lehrkräften, sondern bei erfahrenen Fachpersonen – meist in der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Förderdiagnostik.
Aber: Eine gute Beobachtung ist eine wertvolle Grundlage für diesen Prozess. Sie kann Fachleuten helfen, schneller Zusammenhänge zu erkennen – und unterstützt dabei, passende Hilfen zu entwickeln, ganz unabhängig von der Frage nach einer Diagnose.
Beobachten Sie so gut Sie können – im Rahmen Ihrer Möglichkeiten, ohne Druck.
Und ganz wichtig:
Führen Sie die Beobachtungen unauffällig durch. Ihr Kind soll sich nicht fühlen wie unter Beobachtung im Labor – das würde das Verhalten verfälschen und unnötigen Druck erzeugen. Ziel ist nicht Kontrolle, sondern Verständnis.
Denn jede gute Beobachtung beginnt mit echter Aufmerksamkeit – nicht mit Verdacht.
Passende Beobachtungsformulare und Hilfestellungen sind im ADHS- Ordner enthalten und stehen unter Material zum Download bereit!

