Unser Weg: Teil 4 – Was uns hilft – und was (bei uns) nicht funktioniert

Heute ist vieles anders als noch vor einem Jahr.
Nicht leichter. Nicht perfekt. Aber geordneter. Klarer. Und manchmal sogar richtig schön.

Seit der Diagnose ADHS und der Medikation mit Medikinet hat sich unser Alltag spürbar verändert. Unser Sohn kann sich im Unterricht konzentrieren, Aufgaben bewältigen und seine Fähigkeiten zeigen – nicht nur die Defizite. Er ist kein anderes Kind, aber ein Kind, das endlich unter fairen Bedingungen lernen darf.

Was uns hilft:

1. Die richtige Schule – mit Struktur und Haltung

Die Realschule war ein echter Glücksgriff.
Ein Team, das zuhört. Förderangebote, die greifen. Und eine Haltung, die zeigt: „Wir sehen dein Kind.“

Besonders hilfreich:

  • Eine Schul-App, die den Stundenplan anzeigt – inkl. spontaner Änderungen → keine bösen Überraschungen mehr
  • Hausaufgaben dürfen aufgeteilt werden – nicht alles muss sofort fertig sein → Entlastung statt Eskalation
  • Regelmäßige Präsentationen statt nur Tests → unser Sohn kann zeigen, was in ihm steckt
  • Ein Ansprechpartner-Netzwerk: Klassenlehrerin, Schulsozialarbeit, spezielle Förderkräfte → er fühlt sich endlich nicht mehr allein

2. Schule darf auch stärkenorientiert sein

Ein absoluter Gamechanger:
Im Musikunterricht darf er Schlagzeug spielen.
Endlich ein Ort, wo seine Energie gewollt ist. Und wo er glänzen darf.

3. Zuhause – kleine Dinge mit großer Wirkung

  • Gamifizierung: Wir haben viele Alltagsaufgaben mit kleinen Belohnungssystemen versehen – spielerisch, motivierend
  • Positive Rückmeldungen: Nicht erst, wenn etwas „perfekt“ ist, sondern wenn er sich bemüht
  • Den Druck rausnehmen: Nicht jeder Tag muss „funktionieren“. Das entlastet ihn – und uns

4. Und ja – die Medikation

So lange wir auch gezögert haben:
Ohne Medikamente würde unser Sohn heute nicht in der Schule sitzen, sondern danebenstehen.
Er selbst spürt die Wirkung – und benennt sie. Das macht ihn selbstbewusster.
Und uns ruhiger.

Was (bei uns) nicht funktioniert:

1. Mehr Druck erzeugt keine Leistung

Je mehr wir gedrängt haben, desto weniger ging.
Was von außen wie „Faulheit“ aussieht, ist bei ihm oft einfach mentale Erschöpfung.
Er braucht Pausen. Wiederholungen. Struktur.
Nicht: „Du musst dich nur mehr anstrengen.“

2. Wenn sich Lehrkräfte nicht an Absprachen halten

Ein Nachteilsausgleich auf dem Papier nützt wenig, wenn er im Klassenzimmer ignoriert wird.
Unser Sohn bekam trotz LRS-Diagnose und Nachteilsausgleich einmal eine glatte Sechs unter ein Diktat. Kein Verständnis. Keine Differenzierung. Nur die Bewertung nach Norm.
Solche Erlebnisse reißen Vertrauen ein – und verstärken das Gefühl, falsch zu sein.

3. Vorwürfe & Schuldzuweisungen

Wenn ein Kind nicht „funktioniert“, werden oft die Eltern in die Verantwortung genommen: „Da müssen Sie halt mehr üben.“
Aber: Üben ersetzt keine Bedingungen, die Lernen überhaupt erst möglich machen.
Und Schuld hilft niemandem – schon gar nicht dem Kind.

4. „Was wäre wenn…“ – bringt nur Zweifel

„Was wäre, wenn wir früher reagiert hätten?“
„Was wäre, wenn wir eine andere Schule gewählt hätten?“
Solche Gedanken schleichen sich immer wieder ein – aber sie bringen uns nicht weiter.
Wir können nur das tun, was jetzt gerade möglich ist.

Heute hat unser Sohn endlich einen Freund.
Das allein ist schon Gold wert.

Er lacht wieder in der Schule.
Nicht immer. Aber oft genug, um zu wissen: Es geht aufwärts.

Wir sind noch lange nicht am Ziel.
Aber wir haben eine Richtung.
Und endlich – auch ein bisschen Rückenwind.

Danke, dass du unsere Geschichte gelesen hast.
Vielleicht hast du dich an der einen oder anderen Stelle wiedererkannt.
Vielleicht war es auch ganz anders bei euch – aber ähnlich schwer.
Wenn du magst: Schreib mir. Ich freu mich auf ehrlichen Austausch.

Avatar von Heiko

Von Heiko

Autor des Ratgebers AD(H)S bei Kindern bis 12 Jahren

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