Nach der LRS-Diagnose war für uns klar: Da steckt noch mehr dahinter.
Unser Sohn war nicht „nur“ leserechtschreibschwach – dafür waren seine Probleme zu umfassend. Die Schwierigkeiten im Alltag, die extreme emotionale Reaktion auf Schulstress, die Reizüberflutung, das impulsive Verhalten, die mangelnde Konzentration. Wir beschlossen gemeinsam mit unserem Psychologen: Wir schauen genauer hin.
Es folgte eine umfassende Anamnese.
Wie üblich wurden verschiedene Bezugspersonen einbezogen: Wir als Eltern, die Lehrkräfte, die Großeltern. Jeder bekam die gleichen Fragebögen – wir alle sollten unseren Sohn möglichst objektiv einschätzen.
Und dann passierte etwas, das wir so nicht erwartet hatten.
Beim Ausfüllen der Bögen fielen uns die Schuppen von den Augen.
Die Fragen trafen ins Schwarze. Und plötzlich verband sich alles – wie ein Puzzle, das auf einmal komplett war.
Die Auswertung durch den Psychologen bestätigte das Gefühl, das sich nun in uns festgesetzt hatte:
ADHS.
Diese vier Buchstaben änderten für uns alles.
Nicht, weil sie ein Problem benannten – sondern, weil sie Antworten lieferten.
Plötzlich ergaben so viele Verhaltensweisen einen Sinn. Die ewigen Eskalationen bei den Hausaufgaben. Das emotionale Überkochen bei Kleinigkeiten. Die totale Reizüberforderung im Klassenzimmer. Die ständige Anstrengung, sich „normal“ zu verhalten – und das ständige Scheitern daran.
Wir waren erschüttert. Und gleichzeitig erleichtert.
Erstmals konnten wir das, was wir täglich erlebten, richtig einordnen. Und wir wussten: Wir sind nicht allein – und unser Sohn ist nicht „schwierig“. Er braucht nur andere Rahmenbedingungen.
Die Kombination aus LRS und ADHS erklärte uns alles:
Warum er in der Schule kaum mitkam, obwohl er klug ist.
Warum er sich so oft abgelehnt fühlte, obwohl er dazugehören wollte.
Warum er so selten zeigen konnte, was wirklich in ihm steckt.
Neustart – auf der Realschule
Nach einem kurzen bürokratischen Kampf konnte unser Sohn doch noch auf die Realschule wechseln. Schon vor dem Start führten wir Gespräche mit der Schulleitung und der Klassenlehrkraft. Die neue Schule zeigte sich offen und vorbereitet:
- Ein eigener Förderunterricht für Kinder mit LRS
- Nachteilsausgleich – ohne Diskussion
- Erfahrung im Umgang mit ADHS
Wir waren vorsichtig optimistisch.
Aber leider: Der Neustart verlief anders, als wir gehofft hatten.
Denn die Kinder, die ihn zuvor schon gemobbt hatten, waren ebenfalls an die Realschule gewechselt.
Und unser Sohn kam in eine laute, sehr aufgedrehte Klasse. Direkt zum Schulstart bekam er eine schwere Mittelohrentzündung – zwei Wochen krank, danach wochenlang kaum etwas gehört.
Er verpasste den Einstieg.
Konnte sich nicht in Gruppen finden, nicht mitreden – wurde erneut zum Außenseiter. Wieder Mobbing. Wieder Frust. Wieder Angst.
Doch diesmal war es anders: Die Schule stand hinter uns.
Die Lehrkräfte nahmen das Problem ernst. Es gab Gespräche, Maßnahmen, Rückhalt. Und langsam besserte sich die Situation.
Und dann kam ein weiterer Schritt:
Unser Sohn bekam – nach reiflicher Überlegung – Medikinet.
Wir hatten lange gezögert.
Aber ohne therapeutische Unterstützung (bis heute stehen wir auf Wartelisten) war die Medikation für uns der einzige Weg, ihm den Schulalltag zu erleichtern.
Und tatsächlich:
Plötzlich konnte er sich im Unterricht konzentrieren. Er machte Hausaufgaben in Minuten statt in Stunden. Er fand Zugang zum Stoff – und zu sich selbst.
Die Noten verbesserten sich deutlich (außer in Deutsch – aber das ist okay).
Nur das Lernen für Klassenarbeiten bleibt schwer. Besonders in Englisch.
Aber: Es ist nicht mehr der tägliche Kampf ums Überleben. Es ist Schule – mit Höhen und Tiefen, aber endlich machbar.
In Teil 4 erzähle ich, was uns heute hilft – und was nicht.
Was wir gelernt haben. Und warum wir trotzdem nicht am Ziel sind.

