Unser Weg: Teil 2 – Der lange Weg zur LRS-Diagnose: Hilflosigkeit, Wut und späte Klarheit

Nach dem Verdacht der Lehrkräfte begannen wir mit dem Versuch, eine LRS-Diagnostik für unseren Sohn zu bekommen. Klingt einfach. War es aber nicht.

Der früheste mögliche Termin für ein Erstgespräch: in 9 Monaten Monaten.
Und bis dahin? Wartezeit. Unsicherheit. Hilflosigkeit.

Wir wussten nicht, wie wir ihm helfen konnten – und niemand sonst wusste es offenbar auch.
Egal, welche Maßnahme wir versuchten: Sie verpuffte.
Entweder, weil sie in der Schule nicht aufgegriffen wurde – oder weil sie bei uns zu Hause nicht funktionierte.

Mehr lernen war nicht möglich. Weniger auch nicht.
Und Unterstützung? Gab es ohne Diagnose nicht.

Auch zu Hause war es kaum auszuhalten.

Die Hausaufgaben wurden zur täglichen Zerreißprobe.
Er saß stundenlang über seinen Aufgaben – überfordert, frustriert, wütend.
Es endete oft in Tränen. Oder in Schreien. Manchmal in beidem.
Und das jeden Tag.

Die Stimmung schwankte im Minutentakt.
Von Lachen zu Wut, von Nähebedürfnis zu totaler Ablehnung.
Besonders ich war zeitweise Ziel seiner Ablehnung – völlig grundlos, aber für uns sehr belastend.

Es gab Phasen, in denen unser Sohn sich komplett zurückzog. Andere, in denen er ununterbrochen redete, laut war, Grenzen ignorierte, sich nicht regulieren konnte.
Er zeigte auffällige Verhaltensweisen, die wir nicht einordnen konnten.
Starke Fixierungen – zum Beispiel auf Lego – ließen ihn stundenlang versinken.
Und gleichzeitig explodierte er bei der kleinsten Störung.

Sein kleiner Bruder bekam die ganze Wucht ab – die ständigen Konflikte zwischen den beiden waren nervenaufreibend.
Was wir da schon hätten sehen können, wollten wir vielleicht nicht sehen.
Oder wir erklärten es – wie so oft – mit Hypersensibilität, Entwicklungsverzögerung, Corona-Spätfolgen.

Diese Monate waren schwer.

Voller Wut, Frust, Tränen.
Voller Machtlosigkeit.

Wir sahen, dass unser Sohn litt – und wir konnten ihm nicht helfen.
Nichts von dem, was wir wussten oder beruflich selbst täglich einsetzten, schien bei unserem eigenen Kind zu greifen.
Das war schmerzhaft.

Das Erstgespräch fand endlich statt – und es wurde eine umfassende Diagnostik empfohlen:
Intelligenz, Konzentration, Lese- und Rechtschreibkompetenz.

Die Ergebnisse waren eindeutig.
Unser Sohn hat eine Lese-Rechtschreib-Störung (LRS). Seine kognitiven Fähigkeiten liegen im Normbereich – aber seine Konzentrationsleistung ist stark eingeschränkt.

Endlich eine Diagnose. Endlich ein Nachteilsausgleich.
Aber leider: Viel zu spät.
Die Schule hatte bereits Empfehlungen ausgesprochen. Der Zug war abgefahren.

Der nächste Schlag:

Statt aufs Gymnasium zu wechseln – wie viele seiner Freunde – bekam unser Sohn die Empfehlung für die Werkrealschule.
Eine Schule, die sicher ihre Berechtigung hat – aber nicht dem entsprach, was er sich gewünscht hatte. Und auch nicht seinem Potenzial.

Doch nicht nur das traf uns hart.

Am Ende der vierten Klasse hatte sich eine regelrechte Mobbingszene gegen ihn entwickelt.
Und ausgerechnet diese Kinder wechselten mit ihm auf die neue Schule.

Uns war klar: So konnte es nicht weitergehen.

Der Wendepunkt

In enger Absprache mit unserem Psychologen entschieden wir:
Wir wollen der Sache auf den Grund gehen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war das Wort ADHS nie gefallen – nicht durch die Schule, nicht durch Ärzt*innen, nicht durch uns.
Und das, obwohl wir beide tagtäglich mit Kindern mit ADHS zu tun haben.

Aber beim eigenen Kind?
Da sieht man vieles nicht – oder deutet es anders.
In unserem Fall: Hypersensibilität.

Was dann kam, hat alles verändert.

In Teil 3 erzähle ich, wie wir die zweite Diagnose erhielten – und plötzlich alles Sinn ergab.

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Von Heiko

Autor des Ratgebers AD(H)S bei Kindern bis 12 Jahren

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