Unser Weg; Teil 1 – Wie alles begann: Auffälligkeiten, Corona und die ersten Stolpersteine

Wir haben früh gespürt, dass bei unserem Sohn manches anders läuft als bei anderen Kindern. Schon sein Start ins Leben war ein wenig holprig – er kam einige Wochen zu früh. Auch später verlief seine Entwicklung nicht ganz nach Lehrbuch. Besonders die Sprache ließ lange auf sich warten, was uns natürlich Sorgen machte. Immer wieder hatte er Probleme mit den Ohren, was vermutlich auch zur verzögerten Sprachentwicklung beigetragen hat.

Auf Empfehlung des Kindergartens begannen wir mit Logopädie – unterstützt durch unsere Kinderärztin. Doch das war ein ziemlicher Reinfall. Unser Sohn war noch zu jung, die Therapeutin kam mit seiner Art nicht klar. Nach zwei Rezepten brachen wir das Ganze ab. Stattdessen entschieden wir uns, ihm einfach mehr Zeit zu geben. Für uns war klar: Er ist hellwach, kreativ und klug – nur eben auf seine eigene Weise.

Was uns gleichzeitig auffiel, war seine starke Empfindsamkeit. Geräusche, Gerüche, Licht, Stimmungen – alles schien intensiver bei ihm anzukommen. Diese Hypersensibilität erklärte vieles. Eine medizinische Abklärung? Kam für uns damals nicht in Frage. Er war gerade mal fünf Jahre alt – und wir waren uns sicher, dass wir das schon einordnen konnten.

Dann kam Corona. Und mit ihm: die Einschulung.

Statt eines normalen Schulbeginns gab es Distanzunterricht, seltene Online-Meetings und Materialberge. Es gab Aufgaben – viele Aufgaben – aber kaum Anleitung. Wir sind beide selbst im Schuldienst, aber auch wir waren überfordert. Unser Sohn ebenfalls. Schon im ersten Schuljahr entwickelte sich bei ihm eine echte Abneigung gegenüber Schule. Und das, obwohl wir wussten, wie viel Potenzial in ihm steckt. Nur: Im Schulkontext kam davon nichts an. Die Strukturen passten nicht zu ihm – und er passte nicht in die Strukturen.

Als der Präsenzunterricht wieder losging, wurde es nicht besser. Im Gegenteil. Die Reizüberflutung durch eine laute, unruhige Klasse, fehlende Rituale, wechselnde Abläufe – all das überforderte ihn komplett. Emotional, kognitiv, sozial.

Spätestens in der dritten Klasse begannen sich andere Kinder von ihm abzugrenzen. Zuerst schleichend, dann spürbar. Die Situation eskalierte – es kam sogar zu körperlichen Auseinandersetzungen auf dem Pausenhof. Die Schule sah zu. Wir konnten es kaum glauben.

In der dritten Klasse wechselten die Lehrkräfte – und mit ihnen stiegen die Anforderungen. Besonders im Fach Deutsch wurde klar: Unser Sohn hat große Schwierigkeiten. Endlich kam er wieder zur Logopädie – diesmal in eine Praxis, in der er sich wohlfühlte. Die Therapeutin war einfühlsam, verständnisvoll, kompetent. Zum ersten Mal machte er Fortschritte.

Aber in der Schule ging es weiter bergab.

Hausaufgaben wurden zum täglichen Drama.

Er saß stundenlang an einem einzigen Arbeitsblatt.
Wir versuchten alles: feste Strukturen, kleine Belohnungen, Pausen, Begleitung – nichts half. Die Schule hatte kaum Ressourcen. Eine einzige Förderstunde pro Woche. Der Unterricht blieb leistungsorientiert, Differenzierung war kaum vorgesehen.

Unser Sohn hasste die Schule.
Die Lehrer.
Die Kinder.
Das ganze System.

Und wir?
Wir standen daneben – hilflos. Müde. Ratlos.

Dann kam der erste Lichtblick:
Die Schule äußerte den Verdacht auf eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Wir sollten das abklären lassen.

Was wir damals noch nicht wussten:
Das war erst der Anfang.

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Von Heiko

Autor des Ratgebers AD(H)S bei Kindern bis 12 Jahren

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